Vor diesem Aufenthalt habe ich mich besonders darauf gefreut, mitten in die heisse Phase des Wahlkampfes hineinzureisen. Obwohl diese Wochen bestimmt alle vier Jahre sehr turbulent sind, ist es vermutlich dieses Mal etwas ganz besonderes, hautnah dabei zu sein. Ich glaube nicht, dass eine Präsidentschaftswahl innerhalb der letzten Jahre die Gemüter so erregt hat wie der Kampf ums weisse Haus 2008 zwischen Obama und McCain. Oder sollte man besser sagen zwischen Obama und Palin?! Denn es scheint so, als habe diese fragwürdige Erscheinung mittlerweile die Hauptrolle im Medienspektakel eingenommen. Erfreulicherweise sieht man in den U-Bahnen und auf den Straßen eigentlich nur Obama-Buttons und auch die Aufsteller in den Vorgärten und den Straßen lassen auf vorwiegend demokratische Sympathien schliessen.
Abgesehen von den offen zur Schau getragenen Statements auf Rucksäcken und Mantelrevers geht es in der Stadt jedoch überraschend ruhig zu. Da meine Arbeitsstelle nur ein paar hundert Meter vom weissen Haus entfernt liegt, laufe ich in der Mittagspause öfter mal vorbei, um zu schauen, was sich so tut und wann denn nun endlich mal die große Hysterie ausbricht. Doch auch heute waren nur die üblichen Touristen mit ihren Fotokameras unterwegs und abgesehen von ein paar Arbeitern, die eine Holzbühne zu zimmern schienen und den mit Scheinwerfern ausgestatteten TV-Teams auf dem gegenüberliegenden Häuserdach schien alles seinen gewohnten Gang zu gehen.
Ins Election-Fever gerät man dann also erst richtig, wenn man nach Hause ins Wohnzimmer kommt, wo unsere stets bestens informierte Roomie Martha von morgens bis abends die Nachrichten verfolgt. Ich glaube, wenn sie nicht ab und zu mal zur Uni müsste, würde sie das Haus garnicht mehr verlassen. Gut für uns, denn so werden wir über die neuesten Wendungen und Windungen informiert, ohne uns stundenlang den teilweise etwas nervig und reisserisch gestalteten Nachrichten hingeben zu müssen.
Was ich unbedingt noch loswerden möchte, ist die sehr erschreckende Erfahrung eines sehr offen propagierten Rassismus seitens einiger weisser, älterer „Herren“. Sowohl mein Vermieter als auch der Taxifahrer, der mich am ersten Tag zur Metrostation kutschiert hat, tätigten Aussagen wie „Obama ist ein Terrorist!“, „Wenn diese Schwarzen an die Macht kommen, geht doch alles den Bach runter. Siehe Haiti, Südafrika (!!!!) etc.“ „Also nach Afrika würde ich ja nie reisen. Warum denn auch? Wofür denn?“ um nur einige zu nennen und ich glaube das reicht ja auch schon. Diese im wahrsten Sinnes des Wortes UNVERSCHÄMTE Herabsetzung und Beleidung von Menschen anderer Hautfarbe durch diese saudummen, erzkonservativen alten Säcke ist mir in Deutschland in dieser Form glücklicherweise noch nicht begegnet und ist eine traurige Tatsache, die mich doch sehr schockiert hat.
Zum Glück hat man ja mit solchen Leuten eher selten zu tun und man kann über die Amerikaner generell sagen, dass sie ausgesprochen offen und interessiert auf einen zugehen und so manche Zigarette vor dem Pub in einem halbstündigen Gespräch über kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und den USA, persönliche Zukunftspläne oder Beziehungskisten ausartet. Diese Freundlichkeit und Lockerheit macht einfach Spaß und ist meiner Meinung nach wiederum ein großer Vorteil gegenüber der deutschen Mentalität.
Um den Bericht über den Wahlkampf vorläufig abzuschliessen, soll noch erwähnt werden, dass Amanda gestern hearusgefunden hat, dass Obamas Rally ihn heute abend nach Virginia führt, genauer nach Manassas, was ungefähr eine knappe Stunde von uns entfernt liegt. Selbst wenn, wir was ja eher wahrscheinlich ist, keinen Platz mehr in der Halle finden, ist es doch bestimmt ein tolles Erlebnis die Atmosphäre außerhalb mit zu bekommen. Und vielleicht erhaschen wir ja auch einen winzigen Blick auf den zukünftigen Präsidenten.
OBAMA’08!!!! YES WE CAN!!!!
Hey Y'All
vor 13 Jahren
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